Äthiopien gilt wirtschaftlich als eines der ärmsten Länder dieser Welt. Viele kennen nur die Schreckensbilder von Krieg, Hunger, Dürre und Armut, die in erschreckender Regelmässigkeit um die Welt gehen. Dies sind alles Phänomene der Neuzeit, da das Land früher die Kornkammer des Horns von Afrika war.
Was dabei vielmehr untergeht ist das "andere Äthiopien" das Äthiopien der reichen Kultur und Geschichte, in welchem die christliche Religion eine zentrale Rolle spielt. Und genau dieses Äthiopien ist es, welches wir Ihnen gerne vorstellen möchten. Aus diesem Grund haben wir uns bemüht in dieser kleinen "Broschüre" in Kürze zusammenzufassen was die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo Kirche ist und welche Bedeutung sie für Äthiopien hat.
Geschichte
Als in Judäa der grosse und weise König Salomo regierte, herrschte der Legende nach eine mächtige äthiopische Königin über Äthiopien und Südarabien (u.a. auch Saba, daher der Name "Königin von Saba"). Ihr Name war Makeda. Als sie von der Weisheit Salomos erfuhr reiste sie nach Jerusalem. Sie liess ihn seine Weisheit unter Beweis stellen und wollte danach wieder zurück. Da aber die Königin eine sehr schöne Frau war, brachte Salomo sie mit einer List dazu mit ihm zu schlafen. Am nächsten Tag reiste sie zurück und gebar in ihrem Land einen Sohn namens Menelik, welcher der erste von 225 Kaisern der salomonischen Dynastie war, der auch noch der letzte äthiopische Kaiser, Haile Selassie, angehörte. Nach dem Tode seiner Mutter kehrte er ins Land seines Vaters zurück, um ihn zu besuchen. Judäa war zu jener Zeit von äusseren Feinden bedroht und man befürchtete, dass der Tempel zu Jerusalem zerstört werden könnte. Als Menelik nach Äthiopien zurückkehrte wurde er von 1000 erstgeborenen Söhnen jüdäischer Edelleute begleitetet, welche die Bundeslade mitgenommen haben. Und auch heute noch wird die Bundeslade mit den zehn Geboten in der heiligen Stadt Aksum aufbewahrt. Das erzählt uns die Legende. Es gibt jedoch viele Indizien, welche für die Legende sprechen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass es in der abgelegenen Bergwelt Nordwestäthiopiens noch heute Juden gibt, die ein uraltes Judentum pflegen und den Talmud nicht kennen.
In jeder äthiopisch-orthodoxen Kirche steht im Allerheiligsten (Meqdes) eine Kopie der Gebotstafeln (Tabot), damit die Feinde der Kirche nicht wissen, ob sie nun das Original oder die Kopie vor sich haben. Der Tabot macht sogar die Kirche aus. Wo also der Tabot ist, ist die Kirche.
Von der Konvertierung des ersten Äthiopiers zum Christentum erfahren wir bereits in der Bibel selbst. Es handelte sich dabei um den Schatzmeister der damaligen äthiopischen Königin, der vom heiligen Philipp (FiliPos) selbst bekehrt worden ist. Er ging zurück ins antike äthiopische Reich von Aksum und verbreitete dort das Christentum.
In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde der aksumitische König von zwei syrischen Sklaven, welche mit seiner Erziehung beauftragt waren, zum Christentum bekehrt und gleichzeitig wurde das Christentum als Staatsreligion ausgerufen. Somit wurde Aksum (Äthiopien) zur zweitältesten christlichen Nation der Welt, nach Armenien, und das erste Reich der Welt, das auf seine Münzen das christliche Kreuz prägen liess. Das aksumitische Reich erlebte eine Blütezeit und äthiopische Missionare verbreiteten das Christentum nicht nur im heutigen Sudan und in Südarabien sondern sogar in weit entfernten Ländern wie Armenien (z.B. der hl. Ewostatewos).
Im 5. Jahrhundert herrschte Kaiser Kaleb über Aksum. Zu jener Zeit wurden die Christen in Südarabien von den Juden verfolgt und zu Hunderten massakriert. So trat Kaleb als Beschützer der südlichen Christenheit auf, zog in den Krieg und gewann ihn. Das tat er nicht nur einmal und rächte jeden Übergriff auf Christen in seiner Einflusszone. Er wurde von Christen in aller Welt geschätzt und wird ausser bei den äthiopisch-orthodoxen Christen u.a. auch bei den Katholiken als Heiliger verehrt.
Das Kommen der neun Heiligen fiel ebenfalls in die Zeit Kalebs. Diese neun Heiligen kamen aus dem ost-römischen Reich und sie kamen um eine Vielzahl von Klöstern zu gründen und um zu missionieren. Viele dieser Klöster stehen noch heute.
Im Jahre 571 unternahm Abreha, der aksumitische Statthalter in Südarabien einen Angriff auf Mekka. Doch die Äthiopier erlitten eine Niederlage und so blieb diese Gegend Arabiens weitgehend heidnisch. Das Jahr 571, welches auch das Geburtsjahr Mohammeds ist, ist auch der Beginn des sinkenden Einflusses von Aksum in Südarabien.
Der Aufstieg des Islam leitete den Untergang des einst so bedeutenden Reiches von Aksum ein, denn obwohl Mohammed selbst Aksum (Äthiopien) vom Dschihad ausgeschlossen hatte, weil die Äthiopier den Muslimen in einer Zeit in der sie verfolgt wurden Asyl gewährten, wurde Aksum vermehrt von den Arabern angegriffen. So mussten sich die Aksumiten von den Küstengebieten zurückziehen und wurden so von der restlichen Christenheit abgeschnitten.
Es kam häufig zu Einfällen von Nachbarvölkern. Der schlimmste war derjenige der von einer jüdischen Herrscherin, "Yodit Gudit" ("die schreckliche Jüdin") genannt, im 10. Jahrhundert geführt wurde. Yodit suchte ganz Nordäthiopien bis Aksum heim und zerstörte dort die älteste äthiopische Kirche, die Zion Maryam Basilika.
Es folgte das dunkle Zeitalter. 1776 schreibt der englische Historiker Edward Gibbon: "Von den Feinden ihrer Religion eingeschlossen schliefen die Äthiopier fast tausend Jahre lang und vergassen die Welt, von der sie vergessen wurden."
Nachdem die salomonische Dynastie abgesetzt wurde, kam die Zagwe Dynastie an die Macht, welche die Hauptstadt von Aksum nach Roha verlegte, das später nach dem grössten Zagwe Kaiser, Lalibela, benannt wurde. Von da an wurde das Land Äthiopien genannt, ein Name der zwar schon viel früher für das Land gebraucht wurde, aber vorher wurde das Land offiziell nach seiner Hauptstadt benannt (Aksum).
Im 12. Jahrhundert gab es dann eine christliche Renaissance in Äthiopien. Die christlichen Kaiser breiteten ihren Machtbereich aus und es wurden viele Klöster gegründet, eines davon wahrscheinlich von einem französischen Kreuzritter (dessen Name man heute nicht mehr kennt), welcher als Einsiedler durchs Land zog und eines der berühmtesten Klöster gründete und heute als zweithöchster äthiopischer Heiliger verehrt wird (Gebre Menfes Qidus).
Der Legende nach sollen im 12. Jahrhundert auch die berühmten Felsenkirchen von Lalibela erbaut worden sein welche heute oft als achtes Weltwunder genannt werden. Ursprünglich waren es zehn Kirchen, welche in einem genau angelegten Plan aus dem Fels gehauen wurden. Zwei profane monolithische Bauten wurden zu späterer Zeit in Kirchen umgewandelt. Bete Medhane Alem (Haus des Erlösers der Welt) ist die grösste Felsenkirche der Welt.
Ab dem 13. Jahrhundert wurden vermehrt islamische Emiraten an den Grenzen Äthiopiens gegründet, welche das christliche Reich mal mehr, mal weniger bedrohten. Den äthiopischen Kaisern gelang es aber immer siegreich zu bleiben, bis im 16. Jahrhundert der Imam Ahmed ibn Ibrahim al Ghazi, Emir von Ifat, Adal und Harer auf der Bildfläche erschien, der die "Ungläubigen" ein für allemal bekehren wollte und von den Türken stark unterstützt wurde. Er begann mit seinem Feldzug gegen das christliche Äthiopien, das seinem Angriff nicht standhalten konnte und Schlacht um Schlacht verlor. So zog er plündernd, brandschatzend und mordend durch das christliche Hochland und liess jeden Geistlichen töten, der ihm in die Hände geriet. Die Bevölkerung stellte er vor die Wahl entweder zum Islam überzutreten oder enthauptet zu werden. Viele historische Kirchen und Klöster mit ihren unersetzlichen Bibliotheken von unschätzbarem Wert gingen in Flammen auf. Äthiopien war am Ende und konnte nur durch ein Wunder gerettet werden. So ein Wunder war die Hilfe der Portugiesen. Kurz bevor der Imam in die damalige äthiopische Hauptstadt Gonder einmarschieren konnte, wurde sein Heer von den Äthiopiern mit der Unterstützung von 400 Portugiesen getötet. So blieb Äthiopien christlich.
Bemerkenswert ist auch, dass Äthiopien eines der wenigen Länder ist, in denen Christen, Muslime, Juden und Andersgläubige eine sehr lange Zeit in Frieden nebeneinander lebten.
Nach dem Sieg versuchten die Portugiesen Äthiopien zum Katholizismus zu bekehren. Und so kam es nach der Bekehrung des Kaisers Susenyos zu blutigen Kämpfen zwischen orthodoxen und katholischen Äthiopiern, welche mit dem Sieg der Orthodoxen endete welche die portugiesischen Jesuiten des Landes verwiesen.
Darauf folgte wieder eine Zeit der Isolation. Die einzige Verbindung zur Aussenwelt war die äthiopische Präsenz im Vatikan (Kappelle San Stefano degli Abissini, ab 1539) und im Heiligen Land (heutiges Israel und Jordanien) (viele Kirchen, Klöster und Kappellen). Schon im 3. Jahrhundert wurde von äthiopischen Mönchen im Heiligen Land berichtet. Sie besassen sehr viele heilige Stätten in dieser Gegend bis, bedingt durch viele verschiedene Faktoren, der äthiopische Einfluss sank und das Schicksal der äthiopischen Gemeinde im 19. Jahrhundert durch eine Seuche besiegelt wurde. Später erhielten sie nur einige wenige Stätten zurück, wie das Debre Seltan (arab.: Deir Sultan) Kloster auf dem Dach der Grabeskirche.
Äthiopien blieb von den kolonialen Gelüsten der Europäer nicht verschont, allerdings konnten die Äthiopier im Gegensatz zu allen anderen afrikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit bewahren. Jedoch wurden das Land 1936 für fünf kriegerische Jahre mal mehr, mal weniger von den Italienern beherrscht. Mit Giftgas, Panzern, Flugzeugen und 500'000 Mann griffen die Italiener die Äthiopier an und töteten schätzungsweise 800'000 Menschen, ca. 10% der damaligen Bevölkerung.
Da Kirche und Staat eins waren und die Kirche schon seit jeher das Nationalbewusstsein des Volkes aufrecht erhielt, war sie ein Dorn im Auge der angreifenden Faschisten, so wurden mehrere Klöster und über 2000 Kirchen mit allen Geistlichen vernichtet und Gläubige wurden in Kirchen massakriert.
Der Äthiopien-Beauftragte des faschistischen Italien machte mit seinem Befehl alles klar: "Tötet jeden, der ein Kreuz trägt!". So wurden die Äthiopier zu Hunderttausenden ermordet. Dasselbe geschah auch mit dem Erzbischof Petros, der sich weigerte öffentlich alle Äthiopier zu verdammen, welche nicht mit den Italienern kooperierten. Da er stattdessen genau das Gegenteil predigte, wurde er öffentlich hingerichtet. Äthiopien wurde 1941 mit Hilfe der Engländer befreit.
In Äthiopien blieb das Christentum Staatsreligion bis 1974, als die Kommunisten die Macht an sich rissen. Die Kirche wurde entmachtet und enteignet, der Patriarch musste abdanken und die Partei ernannte einen neuen Patriarchen. Auch unter der auf die kommunistische Militärdiktatur folgenden neuen Regierung besserte sich die Situation der Kirche nicht, im Gegenteil. Es gibt viele Berichte von Massakern an Geistlichen und Gläubigen. Vor allem verschwinden viele Kulturgüter aus dem Land.
Was ist besonders an der äthiopisch-orthodoxen Tewahedo Kirche?
Die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo Kirche ist eine orientalisch-orthodoxe Kirche, das heisst, dass sie beim Konzil von Chalkedon, die Lehre ablehnte, welche besagte, dass Jesus Christus zwei Naturen hat, nämlich die menschliche und die göttliche. Sie vertritt die Lehre, dass Jesus Christus eine einzige göttlich-menschliche Natur hat, also beide "Naturen" in einer einzigen vereint sind (Tewahedo = vereint). Diese Lehre wird Myaphysitismus genannt.
Die Kirche war immer unter der Aufsicht Alexandrias, bis sie 1959 unabhängig wurde. Vor 1951 gab es nie einen äthiopischen Patriarchen oder Erzbischof. Zu den orientalisch-orthodoxen Kirchen zählen ausser der äthiopisch-orthodoxen Tewahedo Kirche noch die koptische, die syrisch-orthodoxe (Jakobiten), die Malankara-orthodoxe (Indien), die armenisch-orthodoxe und die eritreisch-orthodoxe Tewahedo Kirche.
Die Kirchenzeremonien und die Liturgie sind sehr speziell, sie unterscheiden sich teilweise ziemlich stark von den Traditionen anderer christlicher Kirchen. Der heilige Yared der im 6. Jahrhundert in Aksum lebte revolutionierte die Kirchenmusik und die Dichtkunst des Landes. Die Gesänge und Hymnen, welche der heilige Yared komponiert hat, werden heute noch unverändert gesungen.
Die äthiopische Kirche hat auch noch viele urchristliche und jüdische Gebräuche erhalten, welche wir heute in Europa nicht mehr kennen, wie z.B. die mosaischen Speisegebote und das 55 statt 40-tägige Fasten vor Ostern.
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